· 

Was täte ich nur ohne meine Testleser:innen?

Damals, zwischen 2005 und 2010 hatte ich das Berliner Federlesen. Jede Woche durfte jede:r eine Viertelstunde lesen und dann schweigen zuhören, wie die anderen Anwesenden (fast alle ebenfalls Autor:innen) über den Text herfielen. In der Regel wohlwollend. Nach ein paar Jahren kannte man sich gut, Freundschaften entstanden, Ehen begannen (nun ja, mindestens eine). 

 

Diese Runde war eine Art Beta-Test für die Texte und ich traute mich dort schon  bald, noch recht frische Texte vorzulesen. Längere Texte eben in zwei bis drei Etappen. Andere lasen ganze Romane vor - eben pro Woche ein neues Kapitel. Dabei wurde damals viel geraucht und getrunken, viel gelacht und meiner Erinnerung nach niemals geweint. 

 

Ich weiß noch, als ich das allererste Mal da war, war ich so aufgeregt, dass ich kaum das Zittern aus Stimme und Körper fernhalten konnte. Mein Mitbewohner hatte mir den Text ausgedruckt und zwischen die Absätze Dinge wie "langsam lesen!" und "lächeln!" getippt, da er schon geahnt hatte, dass ich sonst angespannt und viel zu schnell durch den Text rasen würde. 

 

Als ich 2020 wieder mit dem Schreiben begann, wusste ich: Ich brauche wieder Testleser:innen. Das Berliner Federlesen gibt es nicht mehr, außerdem wohne ich gar nicht mehr in Berlin. In Kiel gab es keine Schreibgruppe und eine zu gründen war aufgrund einer Pandemie auch nicht so recht günstig. Ich grub ein paar Leute aus, die ich vom Federlesen kannte, die aber mittlerweile in zwei sehr unterschiedliche Gruppen zerfallen waren:

  1. Sie schreiben inzwischen professionell und ich müsste sie eigentlich fürs Lesen bezahlen.
  2. Sie schreiben überhaupt nicht mehr.

Via Twitter und Facebook und auch der Schreiblust-Bande organisierte ich mir aber bald völlig frische Testleser:innen, von denen einige locker mehr als ein Dutzend Texte von mir testgelesen haben. Bei einigen beruht das mittlerweile auf Gegenseitigkeit, auch wenn ich aufgrund meiner doch sehr hohen Einreiche-Frequenz sicherlich häufiger Bedarf habe als die meisten anderen. 

 

Anfänglich fürchtete ich mich sehr vor den Reaktionen, inzwischen bin ich tiefenentspannt. Ich habe gelernt, dass es völlig normal ist, wenn frühe Versionen eines Textes noch nicht glatt oder auch noch nicht gut sind - oder eben sogar schlecht genug dafür sind, dass ich sie auch wieder wegwerfen kann (ist zum Glück bisher nur einmal passiert).

 

Ich habe gelernt, dass ein und die/derselbe Leser:in durchaus eine Handvoll Texte von mir gut finden kann (oder zumindest kommentierenswert) und dann trotzdem den nächsten völlig ratlos ablehnen muss, weil er/sie damit gar nichts anfangen kann. Ich habe sogar gelernt, dass eben dieser Text dann bei der Ausschreibung trotzdem ausgewählt werden kann.

 

Ich habe gelernt, dass ein:e Testleser:in mir hundert wertvolle Hinweise geben kann, die ich alle dankbar annehme und dann trotzdem mal völlig missverstehen kann, was ich sagen wollte. Ja, inzwischen weiß ich recht gut, was ich nehmen sollte und was ich getrost ignorieren kann (denke ich). 

 

Nur einmal ist etwas passiert, dass ich wirklich schrecklich fand. Ich griff mit einem Text total daneben und die Testleserin fragte mich daraufhin, was ich denn eigentlich mit dem Schreiben erreichen wolle. Ob ich nicht besser erst mal ein paar Ratgeber lesen sollte und Kurse machen. Ratgeber? Kurse? Beides habe ich bereits gemacht, mehr als einmal und bereits vor langer Zeit. Auch wenn weitere Ratgeber und Kurse sicher nicht schaden, so fühlte ich mich doch, als käme dieser Ratschlag fünfundzwanzig Jahre zu spät. Nur wegen eines schlechten Texts (denn schlecht war er wirklich) gleich alles in Frage zu stellen, hat mir nicht gefallen. 

 

Davon jedoch habe ich mich wieder erholt. Und besonders dankbar bin ich für all die tausend Dinge, die mir selber nie auffallen würde. Dass eine Betrunkene mühelos den Zelteingang finden und öffnen kann, es dann aber nicht schafft, in ihren Schlafsack zu klettern. Dass ein Türsteherschrank von fast zwei Metern eine Bierkiste gemeinsam mit der dünnen Bardame anhebt. Dass eine Pilotin wegen Covid-19 überlegt, ihre Karriere zu wechseln und davon in einem Ton spricht, als würde sie ihr Sky-Abo kündigen wollen (genauso kam das Feedback, autsch!). Abgesehen mal von Unmengen Holprigkeiten und locker zweihundert fehlende Kommata, auf die ich regelmäßig aufmerksam gemacht werde.

 

Dazu: Kill the cat. Eine Szene mit einem Chemielehrer, die ich so mochte, dass ich selber nie gemerkt hätte, dass sie die Geschichte gar nicht voranbringt und mir erst eine Testleserin sagen muss, dass sie überflüssig ist. Bestimmt eine Handvoll Nebenfiguren, bei denen es hieß: Brauchst du die? Die können doch raus, oder?

 

Oder auch mal nette Bemerkungen, vermutlich, weil die Leute etwas von der Sandwich-Technik verstehen: "Für solche Details würde ich töten" oder einfach nur "schönes Bild" oder "wirklich witzig". 

 

Zurzeit werden die Kommentare nicht wirklich weniger. Ich schätze, ich brauche euch noch. Hoffentlich bleibe ich nicht für immer ganz so betriebsblind, aber ganz verzichten möchte ich auch euch tatsächlich nicht. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Dirk Osygus (Freitag, 26 Februar 2021 14:48)

    Wow, was für eine Lanze Du hier brichst. Viele Dank.
    Dazu kommt aber, daß Du ja abwechslungsreich und interessante schreibst und es "in den meisten Fällen" auch viel Spaß macht, Deine ersten Ergüsse zu lesen.
    Vielen Dank aber auch dafür, daß Du gerne meine Texte zerpflückst.