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Phrasen: Schlecht und ergreifend?

Die Forschungsfrage

Bei einem Wink mit dem Zaunpfahl platzt mir der Kragen, da sehe ich rot, da gehe ich auf die Barrikaden, darauf kannste aber Gift nehmen

 

Griffig und abgegriffen, liegt das nicht nahe beieinander? Welches trifft und auf Phrasen zu? Und was wären die Alternativen?

 

Ich habe vier Schreibratgeber konsultiert, zwei Webseiten und drei Umfragen unter Autor:innen und Leser:innen gemacht, um diesen Blogpost vorzubereiten. Einige neue Ideen und Erkenntnisse sind zumindest für mich auf jeden Fall herausgekommen.

Schreibratgeber

Im Folgenden habe ich Schreibratgeber von Sol Stein, Wolf Schneider,  Hans-Peter Roentgen und Stephan Waldscheidt durchwühlt.

 

Zitierte Quellen:

Sol Stein: On Writing

Wolf Schneider: Gewönne doch der Konjunktiv!

Hans Peter Roentgen: Vier Seiten für ein Halleluja 

Stephan Waldscheidt: Spannung Suspense

Sol Stein: Tired from overuse

Stein ist in "On writing" sicherlich der strengste Verfechter gegen abgegriffene Worthülsen. Da es sein Werk auf Deutsch nicht als Ebook gab, habe ich es auf Englisch gekauft.

 

Sol Stein ist sicherlich ein Vertreter, der eine Null-Toleranz-Politik nicht nur gegen geflügelte Worte hegt, die in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen sind, sondern auch gegen oft gelesene und gehörte Sätze. Neutrale Beschreibungen finden zumindest in der wörtlichen Rede ebenfalls keinen Anklang bei ihm, da es niemanden charakterisiert.

 

"Reproving someone who is late, a layman might write, "I've been waiting a long time for you." That doesn't characterize eiter the speaker or the latecomer. "I've been waiting forever for you" is an exaggeration - and also a cliché. It doesn't characterize. Here's how an experienced writer, Rita Mae Brown, did it in her novel High Hearts:

"Girl, my fingernails could grow an inch just waiting for you."

 

Sol Steins Fazit über Phrasen und sprachliche Klischees:

 

"That's top-of-the-head, thoughtless writing. Such clichés are common in speech. We expect better of our writers."

 

An anderer Stelle definiert er ein Klischee als:

 

"A hackneyed expression, tired from overuse."   

Wolf Schneider: Vergnügen und Stolpern statt Langeweile

 Wolf Schneider wettert in der Hauptsache gegen schiefe Bilder und falsche Verwendung von bekannten Bildern. Er warnt jedoch auch vor der (übermäßigen) Verwendung bekannter Worthülsen z. B. im Kapitel "Nur wer stolpert, schläft nicht ein":

 

“Wie hast du geschlafen? Wie ein Murmeltier. Der langen Rede welcher Sinn? Der kurze. Womit hat er das Kind ausgeschüttet? Mit dem Bade. Das kennen wir alles, das plätschert vorüber, das strapaziert uns nicht, wie schön; aber es stimuliert uns nicht, wie schade.

Wer uns als Leser oder Hörer gewinnen will, schuldet uns dann und wann die kleine Überraschung, das mutwillige Herausspringen aus den allzu ausgefahrenen Gleisen und die leichte Anspannung im Vorderhirn, die daraus folgt." 

 

Um das zu erreichen, sollten Autor:innen das meiden, dass er "Sprachschablonen" nennt. Wer jedoch schläft wie ein Bär statt wie ein Murmeltier, habe "eine Schablone zerbrochen, ein uraltes Bild mit neuem Leben aufgeladen, ein kleiner Stolperdraht gespannt."

 

"Eine ziemlich zuverlässig einschläfernde Wirkung geht von der konstanten Bosheit, der goldenen Mitte, dem bitteren Ernst, dem strengen Stillschweigen aus – jenen Zwangs-Ehen zwischen einem Substantiv und einem Adjektiv, deren Scheidung seit Jahrzehnten überfällig ist. " 

HP Roentgen: Klischees sind nicht anschaulich

In Hans-Peter Roentgens Schreibratgebern muss ich schon ein wenig tiefer graben, um zu beweisen, dass auch er gegen die Verwendung von Phrasen ist. Lediglich in "Vier Seiten für ein Hallejula" findet sich etwas:

 

Beachten Sie vor allem die Formulierung "wie in einem schlechten Krimi" und den Waffenverkäufer mit gebrochener Nase. Beides sind Klischees, nicht anschaulich.

Waldscheidt: Klischees erfüllen Erwartungen

Auch Waldscheidts Buch über Suspense stoße ich auf die Information, man solle Sprachklischees vermeiden. Immerhin scheint dieser aber keine Null-Toleranz-Regel aufstellen zu wollen.

 

Klischees sorgen für das exakte Erfüllen von Erwartungen. Der Leser kriegt genau das, was er erwartet, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Für manche Leser ist das tatsächlich genug.

[...] Wenn Sie den Leser überraschen oder seine Erwartungen übererfüllen wollen, sollen Sie sich vor Klischees hüten. Nicht wie der Teufel das Weihwasser. Denn auch das ist ein Klischee."

Meinungen bei Social Media

Ich habe bei Twitter, bei Facebook in der Gruppe "Tipps und Trick für Autoren" und im Autor:innenforum der Schreiblust  die gleiche Frage gestellt:

 

Was haltet ihr von Phrasen?

 

Offenbar kann man das durchaus kontrovers sehen. Generell gilt, auf die Dosis kommt es an. Ein Zuviel findet niemand gut ("irgendwann ist das Phrasenschwein einfach voll"). Aber viele wollen sich Phrasen, Floskeln und Sprach-Klischees auch nicht ganz verbieten lassen. Einige geben zu, Phrasen oft zu mögen und sie schrägen oder übertriebenen Bildern in Prosa allemal vorzuziehen.

 

Argumente pro Phrasen:

  • In wörtlicher Rede kann die Verwendung von Phrasen die sprechende Person charakterisieren. (Hier ein Original-Tweet dazu).
  • Ebenfalls ein Pro für die Verwendung in wörtlicher Rede: Einige Phrasen sind regional verbreitet und können auf die Herkunft des/der Sprecher:in hindeuten.
  • Phrasen werden von allen Leser:innen verstanden. Eigene Kreationen womöglich nicht.
  • Bei Übersetzungen ist das Zurückgreifen auf in der Zielsprache bekannten Phrasen oft nützlich
  • Eine Phrase kann eine Szene perfekt ausdrücken (Beispiele: Herz klopft bis zum Hals, Magen krampft sich zusammen)
  • Die Abgrenzung zwischen Phrasen und normalem Sprachgebrauch ist schwierig.
  • Es ist vertraut und wird daher sofort verstanden.
  • Die Verwendung von Phrasen ist in Ordnung, da sie sich etabliert als gute, treffende Beschreibungen haben.
  • Alternativen zu bereits bekannten Phrasen könnten konstruiert, gekünstelt oder zu gewollt wirken. Insgesamt ist es schwierig, Phrasen adäquat zu ersetzen. 

Argumente kontra Phrasen: 

  • Phrasen können dich beim Lesen aus der Szene werfen. Vor allem bei Erotik.
  • Phrasen sind abgestumpft und erzeugen daher keine Emotionen mehr. Zu oft gehört, langweilig. Das Gehirn blendet sie aus. 
  • Phasen blähen einen Text unnötig auf. Sie sind weder neu, noch spannend. Ein guter Text macht neugierig, bereitet Freunde und ist spannend. Ggf. könnte man mit bekannten Phrasen spielen und die Leser:innen dadurch unterhalten.
  • Phrasen sind eher ein Symptom als das Problem. Ein Symptom dafür, dass etwas nur unzureichend durchdacht wurde. (Original-Tweet von Reallybadwriter)
  • Ein Text sollte sich von anderen abheben, um Spannung oder Sympathie zu erzeugen (der Autor Michael Kothe)
  • Wer so beschreibt, wie es gemeinhin gemacht wird, erzeugt im Kopf des Lesenden auch stereotype Bilder. (Original-Tweet von Stefan Mesch)
  • "Phrasen strahlen Langeweile aus. Anstatt dass zu beschrieben, was ist, patschen Phrasen ein abgenutztes Bild darüber, anstatt dass die Reichhaltigkeit der Sprache genutzt wird, etwas kreativ und bunt zu beschreiben" (Zitat des Journalisten Malte Göbel)
  • "Weil viele Phrasen mal eine Idee von jemand anderem waren, die in den Sprachgebrauch übergegangen sind, aber sie sind trotzdem die Idee von jemand anders, also anstatt ein eigenes Bild zu entwickeln wird etwas bekanntes benutzt." (Zitat der Autorin Kirsten Fuchs)
  • Bei Facebook erhielt ich eine besonders erhellende Antwort: "Eine Phrase wird nicht zur Phrase, weil sie genau ist, sondern weil sie wie ein übergroßer Deckel über alles Mögliche gestülpt werden kann. [...] Als geübte Vielleserin möchte ich nicht mit Phrasen gelangweilt werden". 

Quellen im Netz

Im Journalismus und in der Wissenschaft

Die Seite Journalist.de sucht seit fünf Jahren regelmäßig "Die Floskel des Monats". Die Floskelwolke entlarvt aber eher komplett nichtssagende Phrasen oder aber schiefe Bilder, ähnlich wie Wolf Schneider in seinem Buch "Gewönne doch der Konjunktiv".  Es wir aber ebenfalls kritisiert, dass in Redaktionen bei Jubiläen "gern ausgelutschte Sprachbilder hervorgekramt" würden und als Beispiel werden Phrasen wie "es ordentlich krachen lassen" oder "die Sau rauszulassen" genannt.

  

Insgesamt ist deutlich einfacher, Quellen im Netz gegen Floskel im Journalismus oder bei Ratgebern zum Erstellen der eigenen Homepage zu finden als zu Prosa. 

 

Manchmal kommt es auch auf den Kontext an. Ich (beruflich Informationswissenschaftlerin) wurde mal von einem befreundeten Biochemiker heftig ausgelacht, weil ich ein wissenschaftliches Paper mit dem Titel "the good, the bad and the ugly" betitelt hatte, weil dies unter Biochemikern offenbar ein total ausgelutschter Titel ist (in der Informationswissenschaft war das originell, weil dort seltener mit Experimenten gearbeitet wird, die gut, schlecht oder hässlich ausgehen können).

 

In Literatur und Prosa

Auf der Seite literaturcafe.de gibt es ein Textbeispiel, das komplett hinsichtlich Sprachklischees auseinander genommen wird. Hier häufen sich gerade zu Beginn des Texts lauter Sätze, die wir schon sehr, sehr oft gelesen haben. Da gießt es in Strömen und jemand ist bis auf die Knochen durchnässt. 

 

Auch in anderen Rezensionen zeigt sich, dass es selten gelobt wird, wenn sich Phrasen und Klischees sich häufen. Eine Häufung hat auch niemand der Befragten in Social Media begrüßt, lediglich gegen das komplette Verbot von Worthülsen hatten sich einige ausgesprochen.

Phrasen für unerfahrene Leser:innen

Irgendwann war jede Phrase auch einmal neu für uns. Wir lesen unserer fünfjährigen Tochter viel vor. In Kinderbüchern von beispielsweise Enid Blyton werden viele Phrasen verwendet und das Entdecken und Begreifen dieser bereitet dem Kind viel Freude. Eine sehr unterhaltsame halbe Stunde ist gerade gestern Abend damit vergangen, die Wendung "den Nagel auf den Kopf zu treffen" zunächst zu erklären und danach Beispiele für die Verwendung zu finden. 

 

Das Entdecken solcher Wendungen gehört zum Spracherwerb dazu, auch beim Erwerb einer Fremdsprache kann das viel Spaß machen. Das direkte Übersetzen deutscher Wendungen ins Englische hat im Dialog mit Amerikaner:innen schon oft für große Erheiterung gesorgt, wenn ich Dinge gesagt habe wie "he is only listening with half an ear", oder, ohne Erklärung komplett unverständlich "a storm-free house" sowie "there we have got the salad". Umgekehrt machte ich ein ratloses Gesicht, als ich zum ersten Mal hörte "Don't meet the trouble half-way" oder "I went to town on you". 

 

Dass Phrasen zu ihrer Sprache dazugehören, viel Spaß machen können, diese bereichern und einiges über die Kultur aussagen kann, ist wohl unbestritten. Dass man im Spanischen statt "die Welt ist ein Dorf" "die Welt ist ein Taschentuch" sagt, ist überaus interessant und witzig.  

Was sind denn dann die Alternativen?

Tun wir mal so, ich wolle als Autorin Phrasen außerhalb der wörtlichen Rede vermeiden. Was sind dann meine Alternativen?

 

Offenbar habe ich zwei:

Entweder ich eliminiere das sprachliche Klischee, indem ich es neutral und phrasenlos formuliere. In der wörtlichen Rede ist das nicht zu empfehlen, da es nicht charakterisiert (laut Stein, obwohl meiner Ansicht nach den/die Sprecher:in durchaus charakterisieren kann, wenn er/sie ständig alles sehr neutral formuliert), im Fließtext kann das durchaus eine Alternative sein.

 

Oder ich entwickle ein eigenes Bild, eine eigene Metapher oder eine eigene Beschreibung eines Details. Eines, dass die Leser:innen stolpern lässt, aber nicht so sehr, dass sie gleich aus dem Text fallen.

 

Beides ist fast gleich schwierig, da man außerdem ja Show don't tell berücksichtigen und daher labelnde Adjektive und Adverbien vermeiden sollte und außerdem Infodump. So ist es sicherlich nicht empfehlenswert statt der Phrase "ihm klopfte das Herz bis zum Hals" "er war sehr aufgeregt" zu schreiben, besser wäre, seine Aufregung zu zeigen, womöglich, indem er das Etikett von der Bierflasche abknibbelte oder innerhalb einer halben Stunde bereits das dritte Mal zur Toilette rennt.  

Neutral formulieren

Phrase neutrale Formulierung
die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer Innerhalb von zwei Stunden wusste die ganze Schulklasse davon (eigenes Beispiel)
schlief wie ein Murmeltier hat tief geschlafen (aus Wolf Schneider, "Gewönne doch der Konjunktiv", Kapitel "Nur wer stolpert, schläft nicht ein")

Eigene Bilder wählen

Phrase Frischere Formulierung
Ich habe ewig und drei Tage auf dich gewartet.   Während ich auf dich gewartet habe, ist dieser Typ da dreimal rauchen gewesen (eigenes Beispiel)
sie ist oberflächlich (Danke Twitter)  "Sie hat die emotionale Tiefe eines Backblechs" (Ursula K. Le Guin über Helena aus der Ilias in "Keine Zeit verlieren")
Ich hatte einen Kloß im Hals Jemand hatte meine Kehle mit Beton zugeschüttet (eigenes Beispiel)
Dumm wie Toastbrot "Wer keine fünf Punkte in Erdkunde schafft, kann nicht einmal graben" (Zitat unseres alten Chemielehrers)

Fazit: Keine einfache Aufgabe

 Wer Phrasen vermeiden möchte und trotzdem Metaphern, Bilder und gute Beschreibungen verwenden will, muss nachdenken und Ideen haben. Einfach ist das nicht. Es ist viel einfacher und womöglich sogar sicherer, auf bereits etablierte Wendungen zurückzugreifen. Anhand der kontroversen Pro - und Kontra-Argumente aus den Sozialen Medien ist auch erkennbar, dass viele die Verwendung solcher griffigen, aber womöglich abgegriffenen Wendungen auch keineswegs verurteilen und nicht selten sogar mögen.  Nicht einmal die Fachliteratur und die Schreibratgeber sind durchgängig dagegen, auch wenn es richtig gute Gegenargumente gibt.

 

Ich freue persönlich mich über frische Details und Metaphern in Prosa und genieße das Gefühl "Wow, was für ein Satz!"

 

Die Entscheidung, eine bereits bekannte Phrase zu verwenden, vergibt an dieser Stelle die Möglichkeit ein eigenes Bild oder Detail zu erschaffen, das zu den Figuren oder der Situation passt, sie charakterisiert und die Leser:innen begeistert. Mit Phrasen und Klischees kann man natürlich auch spielen, sie gekonnt oder in wörtlicher Rede verwenden, um Herkunft, Intellekt oder Charakter der Sprecher:in zu zeigen.